Bremsen, um Gas zu geben – Nachhaltigkeit als Innovationstreiber

Erste Veranstaltung der Reihe „Fit für die Zukunft meets DIU-Expertenabend“ zeigt Chancen für Unternehmen auf nachhaltigen Märkten auf

 „Ein Auto hat eine Bremse, damit wir schneller fahren können – und genauso verhält es sich mit dem Thema Nachhaltigkeit für den Wirtschaftsstandort Deutschland.“ Der ungewöhnliche Vergleich von Prof. Dr. René Schmidpeter von der Cologne Business School und die positive Botschaft dahinter erschlossen sich nicht sofort allen der rund 170 Anwesenden, die am 12. November 2019 an der Veranstaltung zum Thema „Nachhaltigkeit – Nur gerade ,in’ oder der neue Standard des Wirtschaftens“ teilnahmen.

„Genau das es ist, was wir seit 2010 mit unserer Veranstaltungsreihe ,Fit für die Zukunft’ bezwecken“, freute sich Knut Michel, Geschäftsführer der Schneider + Partner GmbH. „Nämlich Themen mit unseren Mandanten und Kooperationspartnern zu diskutieren, die nichts mit unserem Tagesgeschäft Steuern und Wirtschaftsberatung zu tun haben – aber in Zukunft von immer größerer Bedeutung für das erfolgreiche Wirtschaften von Unternehmen werden können.“ Es war die 20. Veranstaltung von „Fit für die Zukunft“. Zum Jubiläum gab es eine Neuerung: Schneider + Partner hat sich als Partner die Dresden International University (DIU) mit ins Boot geholt, „um gemeinsam einmal jährlich das Themenspektrum zu erweitern und den Fokus auch auf gesellschaftliche und naturwissenschaftliche Themen zu legen – die für die Wirtschaft von Bedeutung sind“, erklärte Knut Michel. Ergänzend dazu sagte Dr. Ulrich Bremer, Geschäftsführer der DIU: „Es geht darum, wissenschaftliche Themen, die noch nicht in Unternehmen angekommen sind, in Foren zu transportieren.“

Als erstes Thema des neuen Formates sollte es ein näherer Blick auf die Nachhaltigkeit und ihre aktuelle und zukünftige Bedeutung für Unternehmen sein. Denn: Nachhaltigkeit als Begriff ist in aller Munde – aber vielen Unternehmen fällt es schwer, darin konkrete wirtschaftliche Chancen zu sehen.

Der erste Referent des Abends, Prof. Dr. Dr. Felix Ekardt, begründete die Notwendigkeit, sich mit dem Thema Nachhaltigkeit zu beschäftigen, mit den globalen Zusammenhängen. Der Jurist, Soziologe, Philosoph sowie Gründer und Leiter der Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik in Leipzig und Berlin legte anschaulich dar, dass der Klimawandel mit allen seinen weltweiten Folgen nur zu stoppen ist, wenn global nicht nur ein technischer Wandel (Stichworte: Ressourcen sparen, grüne Technologien etc.), sondern vor allem auch ein Verhaltenswandel stattfindet. „Wir müssen nicht nur ,smarter“, sondern auch weniger – sprich – nachhaltiger produzieren und konsumieren.“ Ihm sei wohl bewusst, dass er dies vor Unternehmern sage, die aus wirtschaftlicher Sicht lieber immer mehr ihrer Produkte verkaufen wollen – und nicht weniger.

Bei seinem Lösungsvorschlag, wie ein solcher Wandel zu gestalten sei, setzte er auf europäischer Ebene an, Rahmenbedingungen und Ziele zu setzen, um regionale Wettbewerbsnachteile zu vermeiden: „Nur im interaktiven Wechselspiel von Konsumenten/Zivilgesellschaft, Unternehmen und Politik kann sich etwas bewegen“, so Ekardt.

Hier knüpfte der zweite Referent des Abends an: Prof. Dr. René Schmidpeter, Inhaber des Dr. Jürgen Meyer Stiftungslehrstuhls für internationale Wirtschaftsethik und Corporate Social Responsibility an der Cologne Business School. Er plädiert für einen  Paradigmenwechsel in der Betriebswirtschaftslehre und für nachhaltige Unternehmenstransformationen: „Wir müssen weg von dem Glauben, dass Nachhaltigkeit und Profit Gegensätze sind. Im Gegenteil. Nachhaltigkeit bremst nicht, sondern ist ein Innovationstreiber für Unternehmen und wird immer mehr zum entscheidenden Wirtschaftsfaktor.“ Er führte mit Bezug zur Innovationstheorie aus, dass es die Rolle des Unternehmers sei, „die kollektiven Interessen mit den eigenen unternehmerischen Interessen so zusammenzuführen, dass der sogenannte ,Sweet Spot’, der optimale Bereich, entsteht, aus dem Innovationen in Form von neuen Produkten, Prozessen, Geschäftsmodellen und Märkten hervorgehen“.

Erst rund zehn Prozent der Unternehmen setzen dieses Herangehen als Geschäftsmodell um: „Sie richten ihr unternehmerisches Produkt an den Nachhaltigkeits-Bedürfnissen der Kunden aus und machen damit von allen Unternehmen mit sechs Prozent die meiste Rendite im Jahr gemessen am Risiko“, zitierte Schmidpeter eine Studie der Harvard Business School.

Eines dieser Vorreiter-Unternehmen, dass aus gesellschaftlichen Problemen unternehmerische Chancen macht, war bei der Veranstaltung auf dem Podium vertreten: das Green-IT-Unternehmen Cloud & Heat Technologies aus Dresden. Als ganzheitlicher Anbieter für sichere und nachhaltige IT-Lösungen kann das 2011 gegründete Unternehmen ein Umsatzwachstum von mehr als  21.000 Prozent in den vergangenen vier Jahren nachweisen. Eine Entwicklung, auf die Dr. Jens Struckmeier, einer der Gründer und heutige CTO, mit Recht stolz ist. „Als Physiker und nachhaltig denkender Mensch habe ich mich schon lange damit beschäftigt, wie aus technologischer Sicht der stetig steigende Energieverbrauch von IT und Rechenzentren gesenkt bzw. gemildert werden kann.“ Als Lösung haben Cloud & Heat, die aktuell mehr als 100 Mitarbeiter beschäftigen, eine innovative Heißwasser-Direktkühlung für Rechenzentren entwickelt, die die Nachnutzung der entstehenden Serverabwärme zur Gebäudeheizung oder Anbindung an Fern- und Nahwärmenetze ermöglicht. „Damit sparen Unternehmen jährlich hohe Kühl- und Heizkosten und reduzieren den CO2-Fußabdruck der Rechenzentren. Das ist unser Beitrag zur Nachhaltigkeit“, so Dr. Struckmeier auf dem Podium.

Prof. Schmidpeter bescheinigt Cloud & Heat damit den richtigen wirtschaftlichen Ansatz. „In Zukunft werden Forschung und Entwicklung im Unternehmen nicht mehr beliebig, sondern nach den globalen Nachhaltigkeitszielen ausgerichtet. Es wird immer mehr darum gehen, als Unternehmer den heutigen Gewinn in die Geschäftsmodelle und Märkte von morgen zu investieren. Für die junge Unternehmer-Generation ist das schon selbstverständlich. Etablierte Unternehmen müssen da noch nachziehen.“

In einem  solchen Arbeitsumfeld bewegt sich auch Julian von Gebhardi, ein weiterer Podiumsgast bei der Veranstaltung. Er ist Geschäftsführer des Impact Hub Dresden und lokaler Vertreter im Global Impact Hub Netzwerk. „Der Impact Hub Dresden handelt im Sinne des sozialen Unternehmertums und unterstützt Startups und Mittelständler bei Transformationsprozessen – von den ersten Schritten bis hin zum langfristigem Erfolg. Im Fokus stehen kollaborative Räume, innovative Methoden, wirtschaftliche Relevanz und Nachhaltigkeit“, erklärte von Gebhardi. Die Themen Zusammenarbeit, Vernetzung und voneinander lernen stehen bei den aktuell 180 Mitgliedsunternehmen des Impact Hub Dresden an vorderster Stelle. „Unsere Gründer sehen nicht Probleme, sondern suchen aktiv nach Lösungen für die heutigen und zukünftigen Herausforderungen. Dabei nutzen sie die vielfältigen digitalen Möglichkeiten. Hier können auch Mittelständler anknüpfen.“ Denn der Impact Hub steht nicht nur Gründern, sondern auch etablierten Unternehmen offen, die gemeinsam mit Start-ups frische Ideen und innovative Produkte entwickeln wollen. „Wir haben größere mittelständische Unternehmen als Mitglieder, die bei uns mit einem Arbeitsplatz eingemietet sind. Sie wollen nah an der Gründerszene dran sein, um von den neuen Ideen und der Zusammenarbeit zu profitieren. Eine Win-Win-Situation für alle“, so von Gebhardi. Für ihn ist das Thema Nachhaltigkeit eine „Riesenchance“: „Junge Start-ups wie auch Mittelständler können hier mit ihrem Transformationsprozess ansetzen, um ihre Produkte anzupassen und zu verändern.“

Prof. Schmidpeter nannte dies, „das eigene Unternehmen von seinem Zweck für die Gesellschaft heraus denken und nach diesem Zweck den Algorithmus des wirtschaftlichen Handelns bestimmen“. Er machte den Anwesenden Mut: „Für dieses Wirtschaftsmodell muss man nicht verzichten bzw. unternehmerische Freiheit aufgeben. Der Markt honoriert das mittlerweile.“

Das konnte auch der dritte Podiumsgast bestätigen: Florian Harrlandt, wissenschaftlicher Referent beim Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE).

Er betreut beim RNE die Themen nachhaltiges Wirtschaften und unternehmerische Verantwortung sowie das Projekt Deutscher Nachhaltigkeitskodex (DNK). „Es gibt bereits einige sehr innovative Unternehmen, die das Thema Nachhaltigkeit als Chance und Geschäftsmodell denken.“ Sein Rat an Unternehmen, die sich mit dem Thema beschäftigen wollen, aber noch keinen Ansatzpunkt haben: „Schauen Sie, was andere machen. Suchen Sie sich Plattformen wie Ihre Branchenverbände oder den Impact Hub, um sich mit anderen auszutauschen und gemeinsam Dinge zu entwickeln. Auch unsere RNE-Internetseite bietet viele Informationen.“

Mittelfristig müssen sich, laut Harrlandt, alle Unternehmen gezwungener Maßen mit dem Thema beschäftigen. So habe beispielsweise die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht – kurz Bafin – im September 2019 ein „Merkblatt zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken“  herausgegeben. Daran sollen sich die beaufsichtigten Banken u. a. bei Kreditvergaben an Unternehmen orientieren. „Das bedeutet: Wer als Unternehmer zukünftig einen Kredit von seiner Bank erhalten möchte, wird nach seinem nachhaltigen Geschäftsmodell gefragt werden. Gut, wer da etwas vorweisen kann“, so Harrlandt.

Auch wenn das nach einem gezwungenen Aufdrücken von nachhaltigem Wirtschaften klingt, die Podiumsrunde war sich einig: Unternehmen sollen agieren und nicht reagieren. Sie sollen ihre unternehmerische Freiheit nutzen, um sich zukunftsfähig aufzustellen. Und dabei spielt das Thema Nachhaltigkeit als globaler Megatrend eine immer größere Rolle. Nicht als Bremse, um beim Anfangsbild zu bleiben, sondern als Sicherheitsinstrument – mit dem im Rücken Unternehmen innovativ durchstarten und wirtschaftlich auf der Überholspur fahren können.

Im nächsten „Teamgeist“ (Ausgabe 02/2019), dem Mandanten-Magazin von Schneider + Partner, wird ausführlich über die Veranstaltung „Fit für die Zukunft meets DIU-Expertenabend“ berichtet. Der „Teamgeist“ erscheint Anfang Januar 2020 und ist dann auch online einsehbar unter: https://www.schneider-wp.de/de/aktuelles/teamgeist/