Herr Dr. Dittrich, das traditionsreiche Handwerk und die Digitalisierung – wie passt das zusammen?
Für mich passt das sehr gut. In den vergangenen 2000 Jahren gab es viele Innovationsschübe, die das Handwerk verändert haben und die es gemeistert hat. Warum also sollte die Digitalisierung als Innovationschub dem Handwerk mehr Probleme bereiten als anderen?
Als wie aufgeschlossen gegenüber dem Thema Digitalisierung schätzen Sie Ihre Handwerkskollegen ein?
Ich denke, dass sie gegenüber der Digitalisierung aufgeschlossener sind als andere, da sie berufsbedingt mit dem Wandel zu tun haben. Allein wegen des wirtschaftlichen Erfolges muss sich das Handwerk mit den Chancen der Digitalisierung beschäftigen, sonst kann das eigene Geschäftsmodell in Gefahr geraten.
Bedeutet es das Todesurteil für Handwerksbetriebe, wenn sie sich der Digitalisierung verschließen?
Das hängt vom Geschäftsmodell und dem Produkt ab. So ist nicht automatisch jemand weg vom Fenster, nur weil er seine Abläufe nicht digitalisiert. Digitalisierung kann das Produkt betreffen, muss aber nicht. Vielleicht ist das Produkt so wie vor hundert Jahren, aber der Vertriebsweg wird durch die Digitalisierung revolutioniert. Digitalisierung hat viele Facetten. Das ist das Spannende.
Welche Rahmenbedingungen müssen Land oder Bund schaffen, um kleine und mittelständische Unternehmen bei der Umsetzung der Digitalisierung zu unterstützen?
Die beiden wesentlichen Schwerpunkte für die Digitalisierung sind die Verfügbarkeit von Breitband und die Veränderung von Vorschriften und Gesetzen. Der Breitbandausbau geht zu langsam voran. Zukunftsorientierte Unternehmer werden ausgebremst, weil sie keinen ausreichenden Internetanschluss haben. Und mit Blick auf Vorschriften und Gesetze sollte der Gesetzgeber nicht im vorauseilenden Gehorsam agieren und damit gute Ansätze zerstören. Vielmehr gilt es für den Staat zu beobachten, ob die veränderten Rahmenbedingungen noch
mit den Vorschriften zusammenpassen.
Ist dann der 3D-Druck die digitale Zukunft der Handwerksbetriebe?
Der 3D-Druck wird meiner Ansicht nach massive Auswirkungen auf die Wirtschaft haben – plötzlich sind Einzelstücke für alle möglich. Aber die wichtige Frage ist: Gewinnen große Konzerne den Kampf in der Mengenproduktion gegen das Handwerk oder kann sich das Handwerk behaupten? Ich kann mir gut vorstellen, dass es zukünftig den Handwerksberuf des 3D-Druckers geben wird.
Woran scheitert das Geschäftsmodell des 3D-Drucks derzeit?
Momentan scheitert es an den gesetzlichen Vorschriften. Denn auf jedem Bauteil muss ein europäisches CE-Prüfzeichen drauf sein. Ich könnte das Teil zwar drucken, aber nicht benutzen.
Wissen Sie, wann sich das ändern wird? Wenn sich die Kunden das Benötigte selbst ausdrucken. Dem Privatmann ist es egal, ob ein CE-Zeichen drauf ist, der druckt es sich einfach aus.
Und spätestens wenn der Stückpreis stimmt, haben Handwerker einen Nachteil. Es ist noch nicht so weit, aber es wird passieren. Davon bin ich fest überzeugt.
Die Themen Innovationen und Digitalisierung begleiten Sie auch als Präsident der Handwerkskammer Dresden. Unter Ihrer Präsidentschaft wurde vor einem Jahr das Kompetenzzentrum Digitales Handwerk nach Dresden geholt. Warum war es Ihnen und Ihren Mitstreitern so wichtig?
Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Michael Schumacher hat mal gesagt: „Nur der Sieger verändert die Regeln.“ Und Veränderung mitzugestalten, ist natürlich besser als nur zu beobachten
und dann hinterherzurennen. Für die Region ist es gut, wenn wir versuchen, ganz vorn dabei zu sein. Wir wollen viele Firmen mit dem Thema Digitalisierung in Kontakt bringen und unterstützen. Ich möchte aber auch für Geduld werben, weil Digitalisierung zwar als Revolution Die beiden wesentlichen Schwerpunkte für die Digitalisierung sind die Verfügbarkeit von Breitband und die Veränderung von Vorschriften und Gesetzen. Der Breitbandausbau geht zu langsam voran. Zukunftsorientierte Unternehmer werden ausgebremst, weil sie keinen ausreichenden Internetanschluss haben. Und mit Blick auf Vorschriften und Gesetze sollte der Gesetzgeber nicht im vorauseilenden Gehorsam agieren und damit gute Ansätze zerstören. Vielmehr gilt es für den Staat zu beobachten, ob die veränderten Rahmenbedingungen noch mit den Vorschriften zusammenpassen.
Wie sehen Ihre Prognosen für den Markt aus?
Die Frage ist vielmehr: Was wird der Markt wollen? Unbestritten ist, dass das billige Preissegment und das ganz teure verkauft wird, aber in den einzelnen Veränderungsschritten trotzdem eine Entwicklung sein muss.
Die Handwerkskammer Dresden unterstützt eine engere Zusammenarbeit zwischen Handwerksbetrieben und Forschungseinrichtungen. Welche Potenziale liegen in der engen Vernetzung von Praxis und Forschung?
Es gibt noch zu wenige Kooperationen zwischen Forschung und Handwerk – beide Seiten wissen zu wenig voneinander. Den Universitäten fehlt es an praktischen Themen. Hier wird eher
Grundlagenforschung betrieben. Und der Handwerker kann sich nicht vorstellen, dass seine Ideen tatsächlich einen wissenschaftlichen Ansatz bieten. Ich bin überzeugt, dass viele forschungsrelevante Themen in den Handwerksbetrieben schlummern. Unsere Aufgabe ist es, die Kommunikation anzuschieben und dafür zu sensibilisieren.
Wie ist das sächsische Handwerk im Vergleich zu anderen Bundesländern für die Zukunft gewappnet?
Statistisch gesehen gibt es bei uns mehr Handwerker pro Kopf als in den alten Bundesländern. Jedoch zeigt die Praxis, dass wir mehr kleine als große Betriebe haben. Darin könnte ein Nachteil liegen. Denn um sich mit Forschung oder Veränderung zu beschäftigen, sind eine gewisse Größe und (finanzielle)Leistungsfähigkeit von Vorteil. Insofern müssen wir die Entwicklungen der ostdeutschen Wirtschaft beobachten und tatkräftig unterstützen. Ansonsten sind wir genauso aufgestellt wie jedes andere Bundesland auch.
Vom Heute ins Übermorgen: Wo sehen Sie das Handwerk 2050?
Pauschal die Entwicklungslinie vorauszusagen ist schwer, denn es kommt auf so viele Faktoren an. Als Wunsch formuliert klingt meine Zukunftsvision so: Die Digitalisierung führt zu einer Stärkung des Handwerks. Aus seiner Tradition lernend, meistert das Handwerk die Zukunft und nutzt dabei die hohen Qualifikationen. Wir werden neue Standards setzen und den sprichwörtlich goldenen Boden des Handwerks in die Zukunft verlegen.

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